Hamburg <-> Marseille

Der Beginn einer langen Freundschaft?

Als transdiszipläneres Format erforscht der Hamburger Verein Hallo: ungenutzte Räume und deren Kontexte hinsichtlich ihrer gemeinschaftlichen Umnutzung als öffentliche Räume. Ähnliches macht das Marseiller Kollektiv Yes We Camp in Marseille oder Paris. Mit der diesjährigen Ausgabe des Festivals Hallo: Festspiele wurde die Zusammenarbeit der beiden Kollektive, die bereits 2016 mit dem Projekt Les Grands Voisins begonnen hat, weitergeführt.

Julia Lerch-Zajaczkowska von Hallo: und Arthur Poisson von Yes We Camp im Gespräch mit Stefanie Steps, Kulturbeauftragte im Bureau des arts plastiques.

 Hamburg <-> Marseille (c) Hallo: Perspektive
(c) Hallo:

Seit 2015 arbeitet Ihr als Verein an den Hallo: Festspielen, seit 2016 besteht die Kooperation mit dem Marseiller Kollektiv Yes We Camp. Wie kam es zu der Zusammenarbeit und wie hat sie sich in den letzten beiden Jahren entwickelt?

Hallo: Der Kontakt kam über ein anderes Projekt zustande, wo sich Künstler_innen und Aktivist_innen unterschiedlichster Projekte aus ganz Europa in Hamburg trafen. Dort war auch ein Mitglied von Yes We Camp anwesend. Ein Jahr und die erste Ausgabe der Hallo: Festspiele später erinnerten wir uns daran, dass es diese Gruppe aus Marseille gibt, die gerade dabei war ein weiteres, großes Projekt in Paris zu gestalten, nämlich Les Grands Voisin. Und da wir in Hamburg auch noch ganz am Anfang standen und neugierig auf diese Menschen und deren Arbeitsweise waren, kontaktierten wir das Team in Paris und bewarben uns gemeinsam auf eine Förderung des Fonds PERSPEKTIVE, der damals die erste Begegnung von Yes We Camp und dem Hallo: Team ermöglichte. Diese erste Begegnung in Paris war sehr inspirierend für uns und hat uns real vor Augen gehalten, in welche Richtung wir in Hamburg mit unserem Vorhaben gehen könnten.

Yes We Camp In der Tat arbeiten unsere beiden Strukturen bereits seit zwei Jahren miteinander und immer wieder hatten  wir Gelegenheit, diesen Austausch auch weiter aufrecht zu erhalten. Das erste Mal haben wir uns in Paris, dann in Hamburg getroffen. Eineinhalb Jahre des stetigen Kontakts, in denen wir uns eher auf informelle Art und Weise getroffen haben, haben uns dazu ermutigt, unseren Austausch wieder zu intensivieren. Wir haben uns also in Marseille und anschließend noch mal in Hamburg getroffen. Die gegenseitigen Besuche haben die Beziehung zwischen unseren beiden Strukturen aber auch die jeweils spezifischen regionalen Zusammenhänge gestärkt.

 Hamburg <-> Marseille (c) Hallo:, Foto: Johannes Kollender Perspektive
(c) Hallo:, Foto: Johannes Kollender

Wo liegen die Unterschiede in den Umsetzungsformen Eurer beiden Initiativen und von welchen spezifischen Kompetenzen konnte die jeweils andere lernen?

Hallo: In erster Linie unterschieden wir uns durch die unterschiedlichen Expertisen. Die Kompetenz bei Yes We Camp liegt auf jeden Fall im Machen und Bauen, das fehlt unserem Team hier teilweise, das sich wiederum mehr aus Künstler_innen und Kunst- und Kulturschaffenden zusammensetzt, weniger aus Architekt_innen und Planer_innen. Vergleichen kann man die Arbeitsweisen nicht, es sind zwei ganz unterschiedliche Maßstäbe und jeweils unterschiedliche Kontexte, in denen wir arbeiten. Das Team von Yes We Camp besteht aus größtenteils fest angestellten Menschen, wir hier arbeiten von Projekt zu Projekt, wachsen langsam, sind aber individuell auch noch in viele weitere Projekte involviert. Was uns vereint ist eine positive und produktive Haltung zur Welt.

Yes We Camp Der grundsätzliche Unterschied zwischen unseren beiden Strukturen liegt im Einsatzbereich. Hallo: konzentrieren sich mit ihren Maßnahmen auf ein und denselben Standort und entwickeln schrittweise, entsprechend der Entwicklung des Viertels und seiner Problematiken, ihre Aktionen. Wohingegen wir mit Yes We Camp unsere Aktionen und Standorte multiplizieren, um das, was wir an einem Standort gelernt haben, auf andere Standorte übertragen. Diese Methode zwingt uns dazu, unser Team stets zu erweitern und immer wieder neue Möglichkeiten zu finden, uns über unsere Erfahrungen an den unterschiedlichen Standorten auszutauschen.

Eure soziokulturelle Praxis ist von hohem künstlerischem Anspruch. In Zusammenhang mit seinem erweiterten Kunstbegriff hat Joseph Beuys den Begriff der sozialen Plastik im Sinne des gemeinschaftlichen prozessualen kreativen Gestaltens des Seins geprägt. Könnt Ihr damit  etwas anfangen?

Hallo: Ja!

Yes We Camp Dieser Begriff von Joseph Beuys beschreibt im Wesentlichen sehr gut, was wir mit unseren Projekten bewirken möchten. Sehr oft haben wir uns hinsichtlich der künstlerischen Qualität der Orte auch die Frage nach der Notwendigkeit einer künstlerischen Leitung gestellt und wie drastisch diese dann sein sollte. Wir haben beschlossen, dass  ein künstlerischer roter Faden  unbedingt notwendig ist, dass es aber zugleich wichtig ist, Freiräume zu schaffen, sich auf unterschiedliche Weise ausdrücken und sich der Dinge aneignen zu können. Ich denke diesbezüglich treffen wir uns mit den Vertreter_innen von Hallo:. Es ist das Konvolut unser Projekte, das die Gestalt der sozialen Plastik annimmt und erst wenn sie belebt und tatsächlich realisiert werden, gewinnt der Begriff seine volle Bedeutung.

 Hamburg <-> Marseille (c) Hallo:, Foto: Johannes Kollender Perspektive
(c) Hallo:, Foto: Johannes Kollender

Das Festival zeichnet sich durch seinen kollektiven, experimentellen und verspielten Charakter aus. Ein wichtiger Aspekt ist die Miteinbeziehung der Nachbarschaft. Wie involviert Ihr die Anwohner_innen in Eure Aktivitäten und wie reagieren sie?

Hallo: Eigentlich haben wir uns von Anfang selbst bei unseren Nachbarn eingeladen. Zu Gast sein und gleichzeitig gastgeben, dieses Wechselspiel interessiert uns. Es war ja zunächst so, dass wir erst mal keinen festen Ort hier am Kraftwerk Bille hatten, lediglich ein Lager für unsere Veranstaltungen. Und da wir uns aber an diesem Ort festbeißen wollten und von Anfang an davon ausgingen, dass wir hier zumindest für eine längere, unbestimmte Zeit sesshaft werden wollen, sind wir kleine Kooperationen mit Imbissen, Lokalen oder dem benachbarten Ruderverein eingegangen, haben wiederum andere Interessierte dorthin eingeladen, obwohl wir selbst nur zu Gast waren. Das war eine gute Ankommensphase, um selber zu verstehen, in welchem Umfeld wir uns hier befinden, nämlich in einem Industriegebiet, das sich erst mal nicht durch eine „Nachbarschaft“ im klassischen Sinne auszeichnet. Aus einigen dieser Begegnungen ist auch eine andauernde Freundschaft gewachsen und es entstehen neue Kooperationen, wie zum Beispiel mit dem hier ansässigen Ruderverein, wo wir immer wieder zu Gast sind und u.a. als bleibendes Ergebnis der letzten Festspiele eine selbstgebaute Sauna hinterlassen haben. Mittlerweile haben wir hier am Kraftwerk Bille ein Büro, Werkstätten, Ausstellungsräume und eine Art Café, die Schaltzentrale, sind also viel vor Ort und laden Nachbarn von nah und fern ein, herzukommen um ohne kommerziellen Zwang an Kunst und Kultur teilzuhaben oder auch selbst aktiv zu werden.

Yes We Camp Unsere Miteinbeziehung der Nachbarschaft passiert durch aktive Ansprache,  durch Zuhören und über die Aussprache von Einladungen. Wenn es durch unsere Aktionen in der Nachbarschaft zu Irritationen kommen sollte, ist es besonders wichtig, die Anwohner_innen auch längerfristig zu begleiten.

Wie reagiert die Stadt auf Eure Interventionen? Wie ist das in Marseille oder Paris?

Hallo: Mittlerweile werden wir nicht mehr nur als „verspielt“ wahrgenommen, sondern als ernstzunehmende Gestalter_innen von Stadt. Wie es in Marseille und Paris läuft können die Kolleg_innen von Yes We Camp am besten beantworten. Bei unserem letzten Treffen haben wir uns darüber ausgetauscht, dass sich da generell etwas zu ändern scheint, im positiven Sinne, und dass Projekte wie unsere generell nicht mehr „nur“ als Kulturprojekte gesehen werden, sondern die Städte erkennen, dass hier im kleinen Maßstab wichtige Impulse für Architektur und Stadtentwicklung gesetzt werden.

Yes We Camp Je mehr Zeit vergeht, desto empfänglicher sind die von uns „bearbeiteten“ Städte auch für unsere Interventionen, und dank unserer Hartnäckigkeit. Wir haben, stets im gesetzlichen Rahmen, aber mit eigenen Mitteln agiert. Das hat uns eine große Handlungsfreiheit geschaffen. Einmal  implementiert, können unsere Initiativen vor Ort eigentlich recht leicht auf- und angenommen werden. Mittlerweile haben beide Städte, beide auf ihre Art und Weise, die Wichtigkeit unserer Aktivitäten in diesem Bereich anerkannt und unterstützen uns. Diese Unterstützung verdanken wir dabei vorwiegend der großen Reichweite und Sichtbarkeit unserer Projekte, auch auf regionaler Ebene.

 

 Hamburg <-> Marseille (c) Hallo:, Johannes Kollender Perspektive
(c) Hallo:, Johannes Kollender

Dieses Jahr habt Ihr in Hamburg das Gelände über das Wasser als öffentlichen Raum ausgetestet, welche Ideen und Herausforderungen schweben für Euch für die Zukunft vor?

Hallo: Weitermachen!

Yes We Camp Die Nutzung des Wassers als zukünftig genutzter Raum ist heute eine äußerst wichtige Frage und ich denke, dass sie auch der Schlüssel der Entwicklung vieler Städte ist. Das Wasser ist ein oftmals noch wenig genutztes Gebiet, das sehr einfach wieder öffentlich und anwendbar gemacht werden könnte, wenn  es zugänglich gemacht wird. Das haben wir diesen Sommer versucht. Ich denke, das ist für den Moment doch schon ganz gut, da dieser Ansatz noch lange nicht abgeschlossen ist. Aber sollten wir uns die Frage nach neuen Herausforderungen wirklich stellen wollen, birgt der Bereich des gemeinsamen und gleichberechtigten Zugangs zu Dienstleistungen und Räumen jedenfalls noch ausreichend Potenzial, oder?

 Hamburg <-> Marseille (c) Yes We Camp Perspektive
(c) Yes We Camp